Hunde, die sich wehren - dürfen die das?

Hunde knurren, schnappen, beißen – oder wie der aktuelle Fall in Hannover zeigt – töten. Begriffe wie „Killerhund“ und „Kampfhund“ geistern durch die Medien. „Sofort einschläfern“ rufen die einen. „Gnade für den Hund“ flehen die anderen. Chicos Geschichte ist tragisch, keine Frage. Doch warum gehen manche Hunde aggressiv gegen Menschen vor und andere nicht? Was läuft da schief und wer ist eigentlich dran schuld?

 

Aggressionsverhalten des Hundes oder warum knurren voll okay ist

 

Das Aggressionsverhalten zählt zum natürlichen Verhaltensrepertoir des Hundes. Es ist angeboren, instinktiv. Der Hund reagiert damit auf einen Reiz und versucht damit ein bestimmtes Zeil zu erreichen. Ein Hund kann zum Beispiel aggressiv auf einen Menschen reagieren, weil er Angst hat. Möglicherweise nähert sich der Mensch dem Vierbeiner zu schnell oder hat eine eigentümliche Art sich zu bewegen, die dem Hund unheimlich ist. Das Ziel von aggressivem Verhalten wäre in diesem Fall die Distanzvergrößerung zwischen Hund und dem Angstauslöser Zweibeiner. Dem Wunsch nach mehr Abstand liegen Basisbedürfnisse wie Sicherheit und letztlich natürlich das Überleben zugrunde. Die Elemente des Jagdverhaltens zählen ebenso zum Aggressionsverhalten des Hundes, und haben ebenso das eigene Überleben zum Ziel. Denn wer nichts zu fressen hat, wird nicht weit kommen.

Die meisten Menschen ordnen Verhaltensweisen wie (Droh)bellen, Knurren und natürlich Beißen richtigerweise als aggressiv ein. Nicht alle wissen, dass diesen „Ausdrucksformen“ im Regelfall andere körpersprachliche Signale vorausgehen. Die sogenannten und viel zitierten Beschwichtigungssignale – dazu zählen u.a. Kopfabwenden, Züngeln, Blickabwenden, Blinzeln, Erstarren, Tempoverlangsamen – werden aber von vielen Hundebesitzern im täglichen Trubel übergangen oder gar nicht erkannt. Ein Hund kann aber nicht sprechen. Er kann uns nicht sagen, dass ihn eine bestimmte Situation überfordert oder, dass ihm sein Rücken weh tut und er dort nicht berührt werden möchte. Er kann es uns aber durch seine Körpersprache signalisieren (siehe Beschwichtigungssignale), wenn ihm etwas nicht behagt. Erkennen wir diese Zeichen aber nicht und setzen den Hund weiter einer für ihn unangenehmen Situation aus, wird ein gut sozialisierter Hund etwas „deutlicher“. Er wird knurren. Was soll er auch sonst tun. Nehmen wir dieses Knurren nun wieder nicht ernst und zwingen den Hund weiter in der Situation zu bleiben, wird er noch deutlicher werden, er schnappt oder beißt. Ein normal sozialisierter Hund wird also nicht sofort seine Zähne einsetzen, sondern versuchen einen ernsten Konflikt zu vermeiden. Häufig wird leider immer noch empfohlen den Hund zu bestrafen, wenn er knurrt. Ein fataler Fehler, der dazu führen kann, dass uns der Vierbeiner das nächste Mal, wenn eine Situation zu kippen droht, gar nicht mehr warnt – denn nichts anderes bezweckt ein Knurren – sondern gleich zuschnappt.

 

 

TV-Hundetrainer: Gewalt erzeugt Gegengewalt

 

Leider wird uns auch in diversen, beliebten Fernsehsendungen empfohlen „hart“ gegen unsere angeblich schwer dominanten Hunde durchzugreifen. Ein knurrender Hund würde von so manchem TV-Trainer zu Boden gedrückt, bis er sich unterwirft. Auch beliebt vor der Kamera das „Nackenschütteln“. Angeblich ein bewährtes Erziehungsmittel, dass dem Hund klar machen soll, dass wir sein aktuelles Verhalten nicht gutheißen. Tatsächlich aber verstehen Hunde das Nackenschütteln ganz klar als Tötungsabsicht! Wer das einsetzt, sagt seinem Hund damit nichts anderes, als „Ich bring dich um!“. Wahnsinn, stell dir vor du lebst mit einem potenziellen Mörder als Bezugsperson unter einem Dach. Und der soll dafür sorgen, dass du genug zu essen hast und dich wohl fühlst und dir Sicherheit bieten. Na Prost Mahlzeit!

Ein simpler aber wahrer Satz: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Hat man dir das nie erklärt? Im Ernst, wen wundert’s, wenn manche Hunde da irgendwann sagen „Stopp, mit mir nicht mehr!“ Wie ein Hund reagiert und was ein Hund sich wann, wie und wie lange gefallen lässt ist naturgemäß von der Rasse, der Sozialisation, ABER auch von der Persönlichkeit des Tieres abhängig. Also wie bei uns Menschen auch! Unter uns gibt es auch Exemplare, die sich geduldig drangsalieren lassen, bis nichts mehr geht und andere, die eben früher mal mit der Faust auf den Tisch hauen. Unser klarer Vorteil gegenüber dem Hund, wir können uns verbal artikulieren, der Hund nicht.

 

 

Ein Mensch kommt schließlich auch nicht als Mörder zur Welt

 

Aggressives Verhalten ist nicht nur bedingt durch Rasse und Persönlichkeitstyp, sondern eben auch durch Lernerfahrung. Ein Hund, der gelernt hat, dass er sich durch Drohschnappen lästige Kinderhände vom Leib halten kann, die ihn auf seinen schmerzenden Rücken patschen, wird dies weiterhin tun. Hätten verantwortungsvolle Erwachsene seine Signale früher gesehen und dafür gesorgt, dass man ihm nicht auf den Rücken klopft, hätte er das Drohschnappen gar nicht zeigen müssen. Er hätte es nicht als bewährtes Mittel erlernt. Die Umstände, sein soziales Umfeld hat ihn also dazu gebracht, so deutlich werden zu müssen. Wir Menschen kommen auch nicht als Kriminelle auf die Welt. Vielmehr machen uns Umstände, wie unserer Kindheit, unsere Eltern und unser Umfeld etc. zu dem was wir sind. Wir lernen, welche Verhaltensweisen uns ans Ziel bringen und welche nicht. Und natürlich tendieren wir dazu jenes Verhalten zu zeigen, welches uns vorgelebt wird. Haben wir einfühlsame und faire Eltern, sind die Chancen groß, dass wir selbst einfühlsam und fair werden. Haben wir Eltern, die uns Schlagen und beschimpfen, geben wir Schläge und Schimpfworte an andere weiter. Hochsoziale Wesen wie es unsere Hunde nun mal sind, lernen auch von unserem Verhalten. Ein Hund, dem stets Gewalt und Grobheit entgegengebracht wird, wird dies eher an den Tag legen, als ein Hund, der liebevoll und fair erzogen wird. Ebenso wenig wie Menschen schon als Mörder geboren werden, kommen Vierbeiner als „Kampfhunde“ zur Welt. Sie werden dazu gemacht!

 

 

Vom „Nanny-Dog“ zum Killerhund – Chicos Story

 

In England wird der Staffordshire Terrier aufgrund seines kinderfreundlichen Wesens „Nanny-Dog“ genannt. Er ist dort ein beliebter Familienhund. In Österreich zählen Staffs zu der Kategorie Listenhunde und wurden als potenziell gefährlich eingestuft. Dies spricht nicht unbedingt für jene Hundebesitzer, die dieser Rasse so einen Ruf eingebracht haben. (Bitte beachten, ich möchte hier nicht alle Halter von Staffs und Co in einen Topf werden. Mir ist bewusst, dass es auch hier positive Paradeexemplare gibt!)

Doch wie konnte es dann dazu kommen, dass der Staff-Mix Chico seine Halter tötet? Man kann nur spekulieren. In der Zeitung liest man von einem Balkon, auf den Chico des Öftern gesperrt wurde. Angeblich musste er auch in der Wohnung viel Zeit im Zwinger verbringen. Stimmt alles möglicherweise oder auch nicht. Fakt ist, wir wissen nicht genau, was dieser Hund mit seinen Haltern alles erlebt hat und was er alles erdulden musste. Wer weiß schon, was hinter verschlossenen Türen passiert. Sollte es stimmen, dass der Vierbeiner viel Zeit alleine auf dem Balkon, weggesperrt von seinen Bezugspersonen verbringen musste, lässt dies nicht unbedingt auf verantwortungsbewusste Besitzer schließen, die etwas von artgerechter und liebevoller Hundehaltung verstehen. Ich will mich hierbei aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und „Angeblichkeiten“ darlegen. Jeder denkt sich seinen Teil und schlussendlich ist es auch egal. Es ist passiert, was passiert ist und der Leidtragende ist der Hund. Wie immer. Und für Chico war es schlimm. Seine Bedürfnisse wurden nicht erfüllt, sonst hätte er nicht diese Konsequenz ziehen müssen. Vielleicht ist er auch krank oder hat Schmerzen und zeigt daher aggressives Verhalten? Vielleicht werden wir es erfahren, oder eben auch nicht. Schlussendlich handelt es sich hier um eine tragisches Schicksal, dass soviele Hunde trifft. Sich zu intensiv mit einem Einzelfall zu befassen führt die öffentliche Debatte noch mehr vom Kernproblem weg, als sie es ohnehin schon ist. Denn schließlich befindet sich die Gefahrenquelle am anderen Ende der Leine…

 

 

Jeder Hundehalter ist potenziell gefährlich

 

Beißvorfälle und Hundeattacken mit Todesfolge (oft für Mensch und Hund) haben und „Listenhunde“, Maulkorbpflicht und Wesenstests beschert. Aber warum, muss sich eigentlich der Hund einem Wesenstest unterziehen? Warum nicht der Halter? Dann könnte man viel eher ableiten, wie der Mensch in stressigen Situationen reagiert und wie er vermutlich auch mit seinem Hund umgeht, wenn ihn eine Situation überfordert. Jeder Hundehalter kann zu einer Gefahr für seinen Hund werden, wenn er diesem nicht auf liebevolle und angemessene Art und Weise beibringen kann, wie man sich im Zusammenleben mit Menschen verhält. Wer nicht Bescheid weiß über die Grundbedürfnisse seines Hundes oder über mögliche Ursachen für unerwünschtes Verhalten, kann nicht angemessen reagieren und notwendige Maßnahmen einleiten. Und wenn es nur darum geht einen fachkundigen Trainer hinzuzuziehen.

 

 

Ein besserer (Aus)Weg

 

Um solche Vorfälle zu vermeiden und zahlreichen Hunden ein Leben im Tierheim oder gar den Tod zu ersparen, bedarf es Aufklärung. Hetzerische „Achtung Kampfhund!“-Berichte in den Medien bringen niemandem etwas. TV-Sendungen in denen höchst aversive Trainingsmethoden (Kann man das überhaupt so nennen?) angepriesen werden, hinterlassen ahnungslose und fehlgeleitete Hundehalter und tragen so zu unnötigem Tierleid bei! Stattdessen bedarf es einer konstruktiven Diskussion in den Medien und einer fachkundigen Aufklärung der Bevölkerung wie richtig mit Hunden umzugehen ist. Idealerweise lernen das schon die Kleinsten im Kindergarten. „Ein Leben ohne Hunde ist möglich aber sinnlos“, lautet ein oft zitierter Satz. Stimme ich voll und ganz zu, aber dann ist es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass es den Hunden, die in unserer Gesellschaft leben gut geht.

 

Ja, Hunde dürfen sich wehren, wenn ihre Bedürfnisse nicht beachtet werden und ihre Gefühle stets übergangen. Es wäre aber schöner, wenn sie es nicht müssten.

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